Rezensionen


Ilka Schnaars.

Sorgerecht und väterliche Gewalt.
Ein Plädoyer gegen die Gleichwertigkeit der Elternschaft von Mutter und Vater.

 

2025

Christel Göttert Verlag

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Rezension zu Sorgerecht und väterliche Gewalt
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Rezension und Kommentar, 27. Februar 2026

 

Ilka Schnaars verfasst ihre Analyse der aktuellen deutschen Sorgerechtsregelungen aus einem engagierten, matrizentrischen Blickwinkel. Ihr Plädoyer gegen die Gleichwertigkeit der Elternschaft von Mutter und Vater kommt aus der guten alten feministischen Tradition, die

  • die Parteilichkeit für Frauen als solche deklariert,
  • die Gewalt an Frauen in den Mittelpunkt der Analyse stellt und
  • die Verhältnisse verändern, nicht nur sie aufzeigen will.

Die Autorin legt einführend dar, dass Mutterschaft und Vaterschaft nicht gleich sind. Rechtlich bedarf die Vaterschaft nämlich der üblichen Tricks des Patriarchats. Seit dem römischen Recht wird nämlich darauf verzichtet von einer biologischen Vaterschaft auszugehen, stattdessen gilt es als sein Kind, wenn es in der Ehe geboren wurde oder er selbst die Vaterschaft anerkennt bzw. wenn sie gerichtlich festgestellt wird. Von daher gilt: Vaterschaft wird über die Mutter abgeleitet und ist also rechtlich keineswegs mit der Mutterschaft gleichgestellt.

  

Wenn die Autorin dabei die tatsächliche physiologische Verschiedenheit von Vater- und Mutterschaft aufzeichnet, muss frau sich fragen, wohin wir (in Zeiten der verdrehten Gender-Identity-Diskussion) gekommen sind, dass wir begründen müssen, was Mutterschaft bedeutet: also eine Frau zu sein, die das Leben formt und hervorbringt. Da sind die neun Monate Schwangerschaft und das Geburtsgeschehen. Und darüber hinaus ist der mütterliche Anteil von Beginn an entscheidend: die weibliche Keimzelle ist weit größer ist als die männliche Geschlechtszelle und die Erbinformation der Mitochondrien werden nur von der Mutter weitergegeben - sowohl Männer als auch Frauen erhalten also das mütterliche Genom. Währenddessen ist der männliche Anteil nachrangig – nämlich ein halber Chromosomensatz, der aus „nahezu nichts außer dem Kern“ besteht. 

Die Autorin betont daher, dass der Rechtsbegriff „Eltern“ eine verfassungswidrige Gleichbehandlung des Ungleichen darstellt.

 

Die rechtlichen Konstruktionen aus dem römischen Recht, die für die Vaterschaft notwendig sind (Namensrecht etc.), legen dar, worum es im „Vaterrecht“ eben geht: um Dominanz und Vorherrschaft und nicht um Schutz, Fürsorge und Zuwendung. Das Rechtssystem ist Ausdruck der patriarchalen Verfasstheit der Gesellschaft geblieben, die im Kern kriegerisch und gewalttätig ist. Das Mutterrecht noch existierender und historischer matriarchaler Gesellschaften dagegen beruht auf der Fürsorge für Kinder, die Gemeinschaft, die Natur und die Versorgung aller.

 

Nur durch die Vorherrschaft des Vaterrechts ist zu erklären, dass Leib und Leben von Frauen nicht ausreichend geschützt werden. Dass die Tötung von Frauen vor Gericht auf Verständnis stößt, geht auf das römische Recht zurück, als der pater familias die totale Verfügungsgewalt über die Frau und Kinder hatte. Dass die Familie der gefährlichste Ort für Frauen ist, ist inzwischen hinreichend belegt und dass die „familiäre Gewalt“ erschreckend und im Ansteigen begriffen ist, davon ist täglich in den Zeitungsberichten zu lesen, wobei besonders bei Trennungen die Gefahr attackiert oder umgebracht zu werden, entscheidend erhöht ist. Von den Gerichten wird dies ignoriert, obwohl der Schutz der Mutter per Grundgesetz garantiert ist.

 

Seit den überall in Europa eingeführten Familienrechtsreformen Mitte der 1970er Jahre wurde die Mutter nach einer Scheidung bzw. wenn sie nicht verheiratet war erstmals zur alleinigen Sorgeberechtigten ihrer Kinder. Damit wurde anerkannt, dass sie es ist, die die Hauptlast der Sorgearbeit trägt. Aber diese Zeit der Ins-Recht-Setzung der Mutter dauerte nur bis in die frühen 1990er Jahre. Dann begann schon die „Benachteiligungsdebatte“ der Väter. Seither ist das beharrliche Ziel der Vaterrechtsbewegung die Widerherstellung des Vaterrechts.

 

In Deutschland hatten bis 1998 die Väter nichtehelicher Kinder keinen Anspruch auf ein Sorgerecht. Ab nun konnten Väter ein gemeinsames Sorgerecht gemeinsam mit der Mutter beantragen. 

Die Wende kam 2013. Seither kann der Vater gegen den Willen der alleinsorgenden Mutter Anträge auf gemeinsame Sorge oder sogar Alleinsorge stellen.

 

In Österreich, wo in der Rechtsprechung fast immer Deutschland gefolgt wird, ist es (noch) nicht soweit gekommen. Die nichtverheiratete Mutter erhält das alleinige Sorgerecht. Wenn sie sich einig sind, können sie ein gemeinsames Sorgerecht festlegen. Da ist von Vater Seite (noch) nichts einklagbar. Allerdings werden nach einer Scheidung die Konflikte vergrößert, weil nun das gemeinsame Sorgerecht rechtlich verbindlich ist. Dass dies der Vaterrechtsbewegung aber noch immer nicht reicht und sie weitere Vorstöße plant, dazu habe ich 2022 einen offenen kritischen Brief an die damalige österreichische Justizministerin gerichtet.

 

Mit den den Vätern eingeräumten Rechten - auch gegen den Willen der Mütter - sind naturgemäß Konflikte vorprogrammiert. Ilka Schnaars beschreibt, dass der Gesetzestext so formuliert ist, dass auf jeden Fall dem „Elternrecht des nichtehelichen Vaters Rechnung getragen wird.“ Damit ist die mutterrechtliche Vormachtstellung der Frau, die von Feministinnen gut 20 Jahre zuvor erkämpft worden ist, wieder aufgegeben worden. 

 

Selbst ein gewalttätiger Mann sei besser als gar kein Vater, so die Argumentation. Das ist ein Skandal und eine der fürchterlichen Folgen des Verlustes des Mutterrechtes. 

Das Vaterrecht schlägt voll zu, wenn das Bundesverfassungsgericht sogar angibt, dass der Mutter das Sorgerecht entzogen werden kann, nicht weil sie eine schlechte Mutter sei, sondern weil der Vater nicht ausgeschlossen werden darf (die „Zustimmungsverweigerung“). Sein Recht auf das Kind, so unbegründet es auch ist, gehe vor ihrem. Das Gericht kann das gemeinsame Sorgerecht auch anordnen. Damit wird der andauernde Ruf zum „Kindeswohl“ ad absurdum geführt. Denn die Frauen, die keine gemeinsames Sorgerecht mit dem Kindesvater haben wollen, begründen dies sehr wohl mit kindeswohlrelevanten Gründen.

 

Die Täter-Opfer-Umkehr wird ersichtlich durch die Regelungen der Jungendämter und Familiengerichte, die unverheirateten Väter nun ein Anspruchsrecht auf die (gemeinsame) Obsorge erteilen. Gerade jenen nichtehelichen Vätern, vor denen die Mütter ihre Kinder schützen wollten, bekommen nun das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Die Väterlobby hat mit ihren unwissenschaftlichen Begriffen wie „Bindungsintoleranz“ und „Parental-Alienation-Syndrom“ ganze Arbeit geleistet. Deren Bemühungen zielen darauf ab, der Mutter das Kind gänzlich zu entziehen, statt auf ihre berechtigten Befürchtungen einzugehen oder die bereits stattgefundene Gewalt gegen sie bzw. das Kind zu berücksichtigen.

 

Das leidige Sorgerechtsthema aus matriarchaler Perspektive anzugehen, das ist der große Verdients dieses Buches. Ilka Schnaars kommt in ihrer klaren Beweisführung zum Schluss, dass die Rechtsprechung der Mutter nicht nur nicht gerecht wird, sondern sie nun auch noch attackiert. Die Gewalt des Vaterrechts wird klar herausgestellt. Die Autorin stellt fest, dass es verfassungswidrig ist, der Mutter gegen ihren Willen ein gemeinsames Sorgerecht mit dem nichtehelichen Vater aufzuzwingen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Feststellung Taten folgen werden.

 

Die Lektüre dieses Buches ist sehr erhellend in Bezug auf die rechtlichen - fälschlich als neutral hingestellten - Grundlagen der Probleme, mit denen viele Mütter heute konfrontiert sind. 

Mein Fazit ist: Im Vaterrecht kann frau nie gewinnen. Es ist Zeit für das Mutterrecht.

 

 


 

 

Schreiben Lernen auf den Spuren Virginia Woolfs

 

Eine Rezension zu Judith Wolfsbergers neuem Buch „Schafft Euch Schreibräume“.

 

gender-blog.de

13. November 2018

 

In ihrem neuen Buch „Schafft Euch Schreibräume“ nimmt Judith Wolfsberger die Leserin mit auf eine Reise in die (Un)Tiefen dessen, was an Texten in ihr selbst und allen Frauen schlummern kann. Die Werke von Virgina Woolf stellen den Leitfaden dar. Die Autorin begibt sich auch geografisch auf Spurensuche und stellt Fragen zur eigenen Identität als Autorin, als Mutter, als Feministin und als Lehrende von Schreibseminaren. Erneut nimmt Wolfsberger damit das Thema (wissenschaftliche) Schreibpraxis auf, nachdem sie das 2007 äußerst erfolgreiche und erhellende Buch Frei geschrieben bereits in der 3. Auflage veröffentlicht hatte.
Autorin werden

Im ersten Kapitel, „Autorin werden“, geht Wolfsberger dem Prozess des Schreibens nach. Virginia Woolf gilt als die erste Autorin, die selbst ausführlich den Prozess darlegte, wie sie zu ihren Themen kam, zu ihren Figuren und zur Handlung ihrer Geschichten und Romane. Ihre Tagebücher haben Generationen von Schriftstellerinnen inspiriert. Antworten dazu, wie die äußeren Bedingungen für angehende Autorinnen aussehen sollen, gab Woolf in ihrem berühmten Buch A Room of One’s Own, wo sie nicht nur ein eigenes Zimmer für jede Frau fordert, sondern auch eine bestimmte Summe Geldes, nämlich 500 Guineen, womit damals ein gutes Auskommen möglich war. Neu an Woolfs Texten war, dass sie die ökonomische und abhängige Situation der Frauen ihrer Zeit benannten und ebenso neu war, dass die Autorin offen darüber schrieb, Menschen, Orte und Ereignisse aus ihrem eigenen Leben als Quelle für ihre Literatur zu verwenden. Lange verpönt, entspricht dies heute dem expliziten Ansatz des amerikanischen creative writing, das Autobiografische als besondere Kraft für das eigene Schreiben zu nutzen.
Methoden des Schreibens

Judith Wolfsberger beschreibt Methoden des Schreibens, die den Text aus der Tiefe des Selbst ziehen, um ihn in einem ersten Schritt einfach unzensiert aus der Feder fließen zu lassen. Während sie ihre Schreibseminare entwickelt, besucht sie fortlaufend selbst Seminare in den USA, wo sie die Schreibform des Memoir erlernt und viele Seiten zu Papier bringt. Die Autorin vermag genau zu beschreiben, wie es gelingt, durch die Arbeiten am Schreibprozess zu ganz neuen Dimensionen des Schreibens vorzudringen. So tritt sie in einen imaginären Dialog mit der verstorbenen Schriftstellerin und schreibt täglich in den frühen Morgenstunden. Für Virginia Woolf galt es, „für sich einen offenen, weiblichen Raum zu schaffen, in dem sie ihrer inneren Stimme anstatt der eines Priesters oder Vaters folgen konnte“ (S. 255). Erst in einem späteren Schritt soll die Überarbeitung stattfinden. Damit räumt Wolfsberger mit dem Bild des – männlichen – Genies auf, der in der Einsamkeit und auf Anhieb erstklassige Literatur produziert. In den deutschsprachigen Ländern ist es ja immer noch verpönt, dass man Schreiben lernen könne, dass es neben Talent also viel um Technik und Methode geht. Für Virgina Woolf wie für Judith Wolfsberger wird Wandern, Schreiben und Malen zu ihren Mitteln des Selbstausdrucks. Und zum Kampf gegen alle, die Frauen entmutigen wollen.
Feministin, Autorin und Mutter sein

Im letzten Kapitel vertieft Wolfsberger Gedanken dazu, was es bedeutet, im boys club der Wissenschaft zu arbeiten, wo auch die Regeln des Schreibens die der Männer sind. Sie beschreibt, wie sie bei der Entwicklung eines Workshops zu feministischer Schreibpraxis gemeinsam mit den jungen Frauen der Gruppe, die in- und außerhalb des Wissenschaftsbetriebs arbeiten, ein neues Manifest entwickelt. Es entsteht aus dem von den Teilnehmerinnen artikulierten großen Unbehagen daran, nicht als das angenommen zu werden, was sie sind und aus dem Gefühl, sich im Wissenschaftsbetrieb verbiegen zu müssen und trotzdem nicht reüssieren zu können. Was sie abschreckt, gilt als oberstes Prinzip wissenschaftlichen Schreibens, nämlich die Abstraktion, die sich als Objektivität geriert und de facto dazu dient, (nicht Eingeweihte) abzuschrecken und auf Distanz zu halten. So postulieren die Frauen gemeinsam das Weimarer Manifest zur feministischen Schreibpraxis. Frauen seien „keine reinen Kopf- und Vernunftwesen“, sondern sie verstünden „das Leben als Teil unserer Arbeits-, Schreib- und Denkprozesse“ (S. 246). Sie weigern sich, sich zurückzunehmen, sondern reklamieren im Gegenteil, dass die „Autorin spürbar sein, anwesend sein“ (S. 241) darf.
Das Alte und das Neue verbinden

Allein der Untertitel „weibliches Schreiben“ mag für manche Leserinnen eine Provokation darstellen. Denn Begriffe wie „weiblich“ und „Frau“ stehen seit einiger Zeit von Teilen der feministischen Theorie und von Aktivistinnen des transgender rights movement, ausgehend von den USA, unter Beschuss. Daher tut eine Neuverortung dessen, was als feministische Praxis bezeichnet werden kann, not. Beim Lesen dieses Buches kommt mir das autobiografische Schreiben von Frauen in den Sinn, das mit der zweiten Frauenbewegung in die Welt kam und viele Geschichten von Frauen hervorbrachte: Fast immer Leidensgeschichten, die vorher nie gesagt werden durften. Und sie erinnern an die methodischen Postulate, die Maria Mies in den 1970er Jahren entwickelt hatte. Dass Wolfsbergers Memoir und Entwicklung der Schreibpraxis gerade zusammen mit anderen Frauen und in Abgrenzung zum akademischen Diskurs entstanden ist, ist umso bedeutsamer und führt letztlich zurück zum Aufbruch der Frauen in der zweiten Frauenbewegung, wo so viel an Experimentieren und Selbstfindung möglich war. Das Buch leistet einen Beitrag dazu, das „Alte“ wiederaufzunehmen und ist wertvoll für alle, die neu schreiben lernen wollen, sei es innerhalb oder außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses. Und es macht Lust darauf, Virginia Woolf wieder zu lesen.

Judith Wolfsberger, Schafft Euch Schreibräume. Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir. 2018, Böhlau Verlag. https://doi.org/10.7767/9783205208105



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