Mutter in Not. Und was hat das mit der Wirtschaft zu tun?

25.4.2020

 

 

Die Frauen, die Kinder haben und ihr Auskommen per Erwerbsarbeit sichern müssen, sind an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Alle Kinder, bis ins Teenageralter, sind nun zu Hause. Die Älteren dürfen einander nicht treffen, die Jüngeren stehen vor gesperrten Spielplätzen. Laut letzten Nachrichten wird es bis Mitte Mai dauern, bis wieder ein Schulbetrieb – aber in eingeschränktem Maße - beginnen wird. Das heißt, für Monate wird die Mutter zur Alleinunterhalterin der Kleinkinder und betreut die Hausübungen der daheim geschulten Größeren. Bei den  Kindergärten scheint totale Verwirrung zu herrschen. Sind sie nun offen oder nicht?

 

Das Angebot zur Hilfe ist ambivalent. Die Regierung betont, dass es sehr wohl Betreuungsplätze gäbe. Aber warum nimmt Frau sie nicht in Anspruch? Richtig geraten: Weil man sie dann als schlechte Mutter beschuldigen könne, die „ihr Kind weggibt“. Das war immer schon ein Totschlagsargument, wenn es um die Vorschulbetreuung ging und das nun wieder auflebt, wenn Frau beschuldigt wird, ihr Kind dem tödlichen Virus auszuliefern, um selbstsüchtig im Home Office in Ruhe ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

 

Im Extremfall ist nun die Alleinerziehende 24/7, in ihrem meist kleinen Zuhause, für Monate mit Kind(ern) zusammengesperrt und muss fürs Büro oder als Ein-Frau-Unternehmen (de facto oft Prekariate) von zu Hause arbeiten. Diese Kleinstbetriebe wurden ohnehin meist nur deswegen gegründet, weil Frauen häufig ihr Leben um die Kinder herumplanen. Eine solche Situation ist die Voraussetzung für eine Tragödie. Denn bisher wurde die Mutter zumeist noch vom weiblichen Netz unterstützt, angefangen mit der eigenen Mutter, die nun nicht mehr helfen darf, da es ein Quasi-Ausgangsverbot für ältere Menschen gibt und auch wenn die Großmutter jünger ist, sollte sie tunlichst von ihrer Tochter und Enkelkindern fernbleiben. Wenn die Mutter in der Not die Kleinen vor den Fernseher oder das Tablet setzt, gilt sie als schlechte Mutter, wenn sie nicht kochen mag, ebenso. Denn merke: Mutter hat immer Schuld. Es ist immer ein „Zu Wenig“, „Zu Viel“ oder nicht das Richtige, das man ihr vorwirft. 

 

Dass die Politik der Auslagerung der Pflege von älteren Menschen in den ehemaligen Kronländer fatal ist, wurde nun drastisch vorgeführt. Jetzt raten Sie einmal, wer dann, wenn alle Unterstützung von Pflegerinnen wegfällt, diese Fürsorgeleistung übernimmt? Ein Tipp: es ist wohl eher nicht der Schwiegersohn.

 

In Zeiten, wo es sich ausginge, gleichberechtigt Home Office und Kinderbetreuung zwischen Mutter und Vater zu teilen, passiert das - wie eine  neue Studie beweist - wieder nicht. Auch wenn nun der Vorstandsvorsitzende und Generaldirektor nicht mehr vorgeben kann, unabkömmlich zu sein und irgendwohin auf Reisen und Sitzungen entfliehen zu müssen. Zweitens zeigt sich, dass auch zwei Menschen viel zu wenig sind, sich  um Kinder wirklich zu kümmern. 

 

Irgendwie ist allen klar, dass die Enge der Kleinfamilie nun endgültig zum Gefängnis wird. Von wegen heile Familienwelt. “Damit es nicht beim Schreien bleibe”, meinte die Ministerin, müsse man nun die Frauenhäuser und -notrufe verstärken, die die rechts-konservative Regierung zuvor auszuhungern begann. Schon bisher war für Frauen und Kinder in der Kleinfamilie das Risiko physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt zu sein, hoch. Wenn nun alles an Unterstützung zusammenbricht und die finanziellen Sorgen überhand nehmen, ist das das beste Rezept für ein Desaster. Aber selbst Trennungen und Scheidungen können im Moment nicht umgesetzt werden, weil die Ressourcen fürs Auftun einer neuen Wohnung fehlen und die Gerichte haben nur Notdienst.

 

Ich schreibe diesen Beitrag deswegen, weil klar wird, dass vieles zur derzeitigen Gesundheitssituation und zu den unmittelbaren Auswirkungen auf die Wirtschaft gesagt wird. Man spricht an, was angeblich als Wichtigstes und Vorrangiges gilt. Die sogenannten „Frauenanliegen“ haben wieder das Nachsehen und alle Ankündigungen von Politikern, Gesundheits- und Wirtschaftsexperten klingen wie „Mansplaining“. Es müsse „staatstragend“ gehandelt werden, heißt es. Worauf ich hier poche ist, dass es überfällig ist, die Mutterschaft endlich als ökonomische Kategorie zu begreifen. 

 

Der Befund vieler Analysen bisher ist, dass alles anders werde, weil die Menschen endlich begreifen würden, dass soviel Konsum weder wünschenswert noch notwendig ist. Und dass der Verlass auf Amazon, als primäres Vertriebssystem für den Onlinehandel, fatal ist. Auch dass das Jahrzehnte lange Outsourcen aller Produktion in Länder des Südens bzw. Asien sich durch die Verknappung notwendigster Waren rächt. Es wird auch darüber gesprochen, dass die heimische Landwirtschaft es ist, die unser Essen auf den Tisch bringt und wir gar nicht auf das Einfliegen exotischer Früchte und Gemüse angewiesen sind. 

 

Das stimmt auch alles, aber die Mutterschaft kommt da immer noch nicht vor. Dass man nun gerade Frauen als „Systemerhalterinnen“ bezeichnet, ist nachgerade ein Hohn, weil ihr geringes Einkommen so skandalös ist. Jetzt soll doch eine 1.000 Euro Prämie kommen und die Gewerkschaft will sich für sie einsetzen. Nun ist es nämlich so, dass das, was sich Ökonomie nennt, auf den Fundamenten der nicht oder schlecht bezahlten Betreuungs- und Pflegearbeit in der Familie, sowie der sogenannten „Frauenarbeit“, d.h. assistierenden, ihrem Charakter nach „hausfrauisierten“, gering bezahlten Tätigkeiten beruht. Dieser Befund stand am Anfang der zweiten Frauenbewegung, verändert hat sich substantiell wenig. Warum? Weil die offizielle Ökonomie nur so funktionieren kann!

 

Die Diskussion darum, wer das Ganze in Hinkunft zahlen soll, ist im vollen Gange. Vor aller Augen wird nun vorgeführt, dass es der Sozialstaat ist, der die Wirtschaft aufrechterhält. Immer wieder wird appelliert, dass doch einmal die zahlen sollen, die es jetzt am wenigsten trifft und zum wiederholten Male Abgaben zum Vermögen vorgeschlagen. Oder wird vielmehr – wie  nach der Finanzkrise 2008 geschehen – wieder nichts an der Ungleichheit geändert? Obwohl die Konzerne die niedrigste Steuerlast tragen, sondern die Klein- und Mittelbetriebe, sowie die Angestellten es sind, die den österreichischen Staat am Laufen halten? Gerade jetzt profitieren die digitale Branche und der Onlinehandel massiv. Meist sind dies Großbetriebe bzw. Konzerne, die über enorme Ressourcen verfügen und trotzdem staatliche Unterstützung (sogar für die vorgeschriebenen Gesichtsmasken) begehren. Es heißt, nur die heimische Wirtschaft bekommt die finanziellen Zuwendungen, aber stimmt das so?

 

Es ist geradezu obszön, wenn in Frankreich die zuständige Ministerin die Konzerne persönlich darum bitten muss, die von der Regierung angebotene Kurzarbeitsfinanzierung nicht in Anspruch zu nehmen. Und nur mit Mühe können die Bonizahlungen in Millionenhöhe an CEOs verhindert werden. 

Gleichzeitig ist allenthalben vom drohenden Szenario die Rede, dass sich nach der Krise die Einkommens- und Vermögensschere weiter aufmachen wird, als ob wir darauf vorbereitet würden, dass eine große Kapitalumschichtung bevorsteht. Es ist gespenstisch, wie das als naturgegeben dargestellt wird. Es heißt, die kleinen Betriebe seien selber schuld, wenn sie so wenig Rücklagen hätten und sie werden offen als „Übernahmekandidaten“ bezeichnet. Wo sind denn all die Politikerinnen, die etwas dagegen tun können? Was tun sie gegen die langfristig drohende Verarmung, wofür die USA ein grausames Beispiel sind? Warum scheitert die Vermögenssteuer/Kapitalertragssteuer etc. wieder und wieder, egal ob unter konservativer oder sozialdemokratischer Regierung? 

 

Und wer denkt daran, das hohe zusätzliche Ausmaß an in all diesen Monaten geleisteter Mutterarbeit zu entschädigen? Diese 24 Stundenarbeit, um die nächste Generation von Staatsbürgerinnen und Steuerzahlerinnen heranzuziehen. Wieviel wäre das, in Geld umgerechnet, wenn Frau anstatt als Hilfslehrerin, Betreuerin und Köchin im Haus inzwischen an ihrer Karriere basteln hätte können (oder einfach nur in Ruhe arbeiten)? Eine unglaublich hohe Summe, die gar niemand zu berechnen wagt. Nein, was sie bekommt, ist im besten Falle eine gute Nachrede - und vier Jahre Anrechnung an ihre Rente -, im schlechten drohen schnell Sanktionen.

 

Alle Forderungen, die der österreichische Frauenring jüngst als Petition an die Regierung gerichtet hat, entspringen einer Wohlfahrtsstaatsidee und sind an den Ausbau des Sozialstaates geknüpft. Wie aber soll das gehen, mit einer dominierenden Partei, die gerade für das Gegenteil und ein weiteres Absaugen staatlichen Kapitals, zugunsten der Finanzwirtschaft, steht? Daran wird die grüne Regierungsbeteiligung wenig ändern. Von daher sehe ich wenig Hoffnung, dass der drohenden, sich dramatisch verschärfenden Ungleichverteilung, entgegengearbeitet wird. 

 

Ich baue aber darauf, dass sich nun all die Stimmen erheben werden, die eine Zukunft, der von (Quasi)Gratisfrauenarbeit getragenen Konzernwirtschaft, nicht hinnehmen wollen. 

 


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